Reisende Könige und eigensinnige Fürsten

7 August 2013 12:19

Das Heilige Römische Reich des Mittelalters war kein Nationalstaat im modernen Sinn, sondern ein hochkomplexer Flickenteppich aus Fürstentümern, Grafschaften, kirchlichen und weltlichen Herrschaften, Bischofsmetropolen und unabhängigen Reichsstädten. Zusammengehalten wurde dieses unübersichtliche – und reichlich ineffektive – Gebilde vom deutsch-römischen König bzw. Kaiser.

Anders als die Königreiche England und Frankreich hatte das Heilige Römische Reich, das „HRR“, während des Früh- und Hochmittelalters keine Hauptstadt. Die ottonischen, salischen und staufischen Kaiser regierten das Reich nicht von einem bestimmten Ort aus – die deutsch-römischen Herrscher waren Reisekönige, sie zogen ständig mit großem Gefolge durch das Land und bezogen Quartier in den verschiedenen Königspfalzen des HRR. Dabei legten sie im Verlauf eines Jahres mehr als 4000 km zurück.

Üblicherweise benutzten die Kaiser bei ihrer Reise durch das Reich die folgende Route: Regensburg – Würzburg – Speyer – Hagenau – Straßburg – Hagenau – Boppard – Mosbach – Würzburg – Gelnhausen – Koblenz – Worms – Kaiserslautern – Worms – Haßloch – Straßburg – Kaiserslautern – Würzburg – Sinzig – Aachen – Kaiserswerth – Gelnhausen – Frankfurt am Main – Gelnhausen. In jeder dieser Städte befand sich eine Königspfalz, eine Burg oder ein befestigtes Haus, das dem Herrscher, seiner Familie, seinen Rittern, Kriegsknechten, Dienern, Juristen und Beamten Platz zum Wohnen und Schlafen bot. In der Königspfalz verweilte der Hofstaat eine Weile; der Kaiser hielt Hoftage ab, empfing seine Vasallen und Verbündeten, schlichtete Fehden und löste in seiner Eigenschaft als oberster Gerichtsherr des HRR strittige Rechtsfragen.

Das Reisekönigtum hatte eine wichtige politische Funktion: Die deutschen Kaiser des Mittelalters waren schwache Herrscher. Sie verfügten nicht über ein stehendes Heer, sondern waren bei kriegerischen Konflikten darauf angewiesen, dass ihnen ihre Gefolgsleute Ritter und Soldaten zur Verfügung stellten. Auch größere politische Projekte und Reformen konnten sie nur verwirlichen, wenn sie Adel und Kirche dafür gewannen. Da die deutschen Landesherren und Kirchenfürsten als eigensinnig galten, musste der Kaiser sie regelmäßig aufsuchen, sich ihrer Treue zu versichern und sie mit Privilegien und Versprechungen gewogen halten. Andernfalls lief er Gefahr, dass sie hinter seinem Rücken eigene Pläne vorantrieben, ihm die Gefolgschaft verwehrten oder ihm sogar in den Rücken fielen.

Dieser Text ist Teil einer Artikelserie, die sich mit den historischen Hintergründen von Das Salz der Erde beschäftigt. Jede Woche erscheint ein neuer Artikel.