"Recherchieren für Historische Romane"

16 March 2015 13:36

Vor einiger Zeit schrieben Kollege Christoph Hardebusch und ich einen Text über unsere Herangehensweise, wenn wir für einen historischen Roman recherchieren. Erschienen ist der Artikel anlässlich der Leipziger Buchmesse in der Messezeitung von WerkZeugs. Damit auch all jene, die nicht zur Messe kommen konnten, den Text lesen können, veröffentliche ich ihn nun hier in voller Länge:

Recherchieren für Historische Romane

Von Christoph Hardebusch und Daniel Wolf

„Schlecht recherchiert!“ Vernichtender kann man über Historische Romane kaum urteilen. Wer zu einem Roman aus diesem Genre greift, möchte nicht nur spannend unterhalten werden, er erwartet außerdem faktengetreue Einblicke in eine ferne Epoche – und ist enttäuscht, wenn das Zeitalter, in der die Geschichte spielt, fehlerhaft dargestellt wird. Denn Liebhaber Historischer Romane wollen immer auch etwas über die jeweilige Zeit, ihre Sitten und Lebensumstände lernen. Sie wollen das Buch mit dem Gefühl zuklappen, dass die Lektüre ihr Geschichtswissen erweitert hat.

Mönche des 12. Jahrhunderts, die Kartoffeln essen; Liebesgeflüster eines Renaissance-Pärchens, das sich liest wie einem modernen Beziehungsratgeber entnommen – wir alle kennen Romane, deren Autoren es mit den geschichtlichen Fakten nicht allzu genau genommen haben. Diese Bücher mögen spannend, lebendig und unterhaltsam sein, aber das Bild der Epoche, das sie vermitteln, ist bestenfalls unscharf. Wie aber vermeidet man beim Schreiben eines Historischen Romans solche offensichtlichen (und weniger offensichtlichen) Fehler?

Wie recherchiert man die historischen Fakten präzise und effizient?

Dieser Frage wollen wir nachgehen. Dabei tun wir der Einfachheit halber so, als würde unsere Geschichte im Mittelalter spielen. Die dargestellten Methoden lassen sich aber leicht auf andere Epochen übertragen.

Wir haben uns also vorgenommen, einen epischen, süffigen, packenden Mittelalterroman zu schreiben. Sagen wir, er spielt im Hochmittelalter, im frühen 13. Jahrhundert. Deutschland gab es damals noch nicht, die Länder zwischen Hamburg und Norditalien hießen Heiliges Römisches Reich. Kaiser war der Staufer Friedrich II.; es war die Zeit der Ritter und Minnesänger, der Kreuzzüge und Katharer. So viel wissen wir gerade noch aus dem Geschichtsunterricht in der Schule, aber danach hört es auf. Welche wichtigen Ereignisse gab es in den Jahren um 1220? Wie war das Heilige Römische Reich politisch beschaffen? Welche gesellschaftliche Rolle spielten Adel, Klerus und Ritterschaft? Wie lebten die einfachen Menschen, die Bauern auf dem Land, die Bürger in den Städten? Welchen Einfluss hatte der christliche Glaube auf das Denken unserer Protagonisten? Was aß man, welche Kleidung trug man, wie wohnte man? Wir sind keine Historiker – einige dieser Fragen können wir vielleicht beantworten, doch zu den meisten haben wir bestenfalls vage Vorstellungen. Unser Anspruch ist es aber, ein möglichst realistisches und genaues Sittengemälde des Hochmittelalters zu zeichnen. Also müssen wir recherchieren und uns mit der Ära vertraut machen. Damit wir glaubwürdige Figuren erschaffen können, wollen wir die Denkweise des mittelalterlichen Menschen verstehen und seine Lebensumstände ergründen.

Noch kennen wir unsere Epoche allenfalls oberflächlich. Es empfiehlt sich also, dass wir uns zunächst einen Überblick über das Hochmittelalter verschaffen. Jetzt heißt es: lesen. Viel lesen. Noch viel mehr lesen. Glücklicherweise gibt es laienverständliche Sachbücher über das Mittelalter en masse, etwa „Das Leben im Mittelalter“ von Fossier oder „Alltagsleben im Mittelalter“ von Borst, um nur zwei zu nennen.

Danach sind wir klüger. Wir wissen nun, wie das Mittelalter „funktioniert“ hat. Von klischeehaften Vorstellungen über die Stauferzeit haben wir uns verabschiedet. Wir haben erfahren, dass die gängigen Phantasien vom dunklen, barbarischen Mittelalter nur wenig mit der Realität zu tun haben – dass unsere Epoche viel bunter und faszinierender ist, als wir anfangs dachten. Außerdem haben wir dank dieser ersten Recherchephase inzwischen ein viel klareres Bild von dem Roman, den wir schreiben wollen, denn die Beschäftigung mit den gar nicht so trockenen Fakten hat uns viele Ideen geliefert.

Die Kreuzzüge interessieren uns am meisten. Unser Protagonist soll ein junger Ritter sein, der mit Kaiser Friedrich ins Heilige Land zieht. Durch die Eingrenzung der Thematik können wir endlich gezielter recherchieren. Wir lesen über die Kämpfe zwischen Christen und Muslimen in Palästina, die Kultur des mittelalterlichen Orients, Reisen und Kriegsführung im 13. Jahrhundert, Jerusalem, Akkon, die Kreuzfahrerstaaten, Literatur dazu gibt es mehr als genug. Wir befassen uns mit der Person des Kaisers und wollen auch unseren fiktiven Protagonisten besser kennenlernen. Wir besorgen uns Bücher über Ministerialität und Adel und erfahren, wie ein Ritter aus dem Heiligen Römischen Reich gelebt hat, welche Ausbildung er genoss, was für ein Ehrenkodex ihn antrieb.

Dies sind alles große Zusammenhänge, zu denen es noch recht einfach zu findende Literatur gibt. Doch wenn es ans Schreiben geht, ans Eingemachte sozusagen, merken wir schnell, dass es in jeder noch so kurzen Szene tausend Fragen gibt: Wie wurde ein Raum ausgeleuchtet? Was aßen die Menschen der verschiedenen Stände eigentlich? Wie wurde eine Messe im Hochmittelalter gehalten? Auf den ersten Blick eher Kleinigkeiten, vielleicht nur ein Satz im Roman, aber schnell kann eine falsche Darstellung den historisch versierten Leser aus der eigentlichen Geschichte reißen und jede noch so schön aufgebaute Spannung zerstören.

Deshalb bleibt uns nichts übrig, als auch im Kleinen ebenso akkurat und gewissenhaft zu recherchieren, wie in den großen Fragen. Zum Glück findet sich in guten Sach- und Fachbüchern immer ein Literaturverzeichnis, von dem aus wir uns zu Büchern weiter arbeiten können, die einzelne Aspekte oder Zusammenhänge der Geschichte genauer beleuchten. Gerade wenn bestimmte Themen im Roman eine besondere Rolle spielen sollen, lohnt es sich, genau dazu die entsprechende Literatur zu finden und sich darin einzuarbeiten. Besonders schön sind Bücher, in denen wir originale Texte aus der Zeit finden, natürlich für uns an die moderne Sprache angepasst oder übersetzt, denn in denen erleben wir die Menschen wirklich hautnah, und sie bieten viel Inspirationsquellen für den eigenen Roman. Nichts ist authentischer, als wahre Erlebnisse historischer Personen in den eigenen Text einzuarbeiten.

Manchmal jedoch stößt man beim Lesen der Fachliteratur an Grenzen, entweder weil man die notwendigen Texte nicht findet oder nicht besorgen kann. Dann helfen einem vielleicht Experten weiter, die sich mit der Materie auskennen. Historiker sind oft hilfsbereit und geneigt, Anfragen zu beantworten. Kollegen können einem mit Rat und Tat zur Seite stehen; es ist für alle Seiten lohnenswert, wenn Autoren sich untereinander helfen. Oft genügt schon ein kleiner Hinweis auf übersehene Recherchemöglichkeiten, um die Hürde zu überwinden. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass diese meist kostenfreie Hilfe natürlich mit Arbeit verbunden ist und auf gutem Willen fußt, dementsprechend sollte man immer an die investierte Zeit denken und die Freundlichkeit nicht über Gebühr strapazieren.

Am Ende wird man aber immer damit leben müssen, dass sich eventuell Fehler in den Roman einschleichen. Allein schon, weil auch die historische Forschung nicht still steht; neue Erkenntnisse werden gewonnen, alte Überlegungen verworfen. Aber auch so kann es immer passieren, dass man ein Detail übersieht oder falsch versteht. Dann gilt: Nicht verzagen, sondern beim nächsten Mal besser machen. Auch Autoren sind nur Menschen.

So langsam entsteht also nicht nur der große Spannungsbogen des Romans, sind nicht nur unsere Figuren lebendig und wahrhaftig, sondern wir entdecken und lernen sehr viel. Es lohnt, die Quellen genau zu lesen und sich auch für solche Stellen Notizen zu machen, die vielleicht gar nicht direkt in den Roman einfließen. Je mehr man weiß, je besser man sich selbst in eine bestimmte Epoche versetzen kann, desto einfacher ist es, ein Gemälde dieser Zeit mit Worten zu malen und seine Leserschaft eben genau dorthin zu entführen. Außerdem sollte man nie vergessen: Der nächste Roman kommt bestimmt!

Kommentare

  • Christopher Riedmüller 21.05.2019 23:33

    Lieber Herr Wolf,

    Ich trage mich mit dem Gedanken, einen Historischen Roman über das ausgehende 19. Jahrhundert in den USA zu schreiben, quasi einen Spätwestern. Eine allgemeine Frage hätte ich hierzu. Wie legitim ist es denn, in einem historischen Roman Städte zu erfinden? Es geht darum, dass die Protagonisten auf ihrem Weg quer durch Arizona in Städten wie Phoenix, Tombstone, Prescott etc. kommen, ich aber auch Orte brauche, die ich etwas freier gestalten kann, weswegen gerne ein bis zwei Städte/Ortschaften selbst erfinden möchte.
    Ich danke Ihnen.
    Herzlich
    Christopher Riedmüller

    • Daniel Wolf 22.05.2019 08:30

      Lieber Herr Riedmüller,
      meine Fleury-Saga spielt in der erfundenen Stadt Varennes-Saint-Jacques und mein nächster Roman "Im Zeichen des Löwen" in dem fiktiven Dorf Warfstede. Ortschaften zu erfinden ist also durchaus legitim ;) Ken Follet hat es ja mit seinem Kingsbridge vorgemacht. Wichtig ist dabei, dass der fiktive Ort glaubwürdig in die jeweilige Epoche und Gegend eingepasst ist. Orientieren Sie sich also an realen Städten/Siedlungen, wenn Sie Ihre Schauplätze erschaffen, und recherchieren Sie zu Stadtentwicklung in den USA des 19. Jahrhunderts, damit Sie ein Gespür für die Thematik bekommen und einen Ort kreieren können, der sich für Ihre Leser*innen real anfühlt.
      Herzliche Grüße und viel Erfolg,
      Daniel Wolf

  • Magdalena Glück 02.01.2019 18:30

    Guten Abend Herr Wolf,
    auch ich bin auf der Suche nach Informationen im Internet auf ihre Seite gestoßen.
    Im Augenblick versuche ich mich an meiner ersten kleinen historischen Geschichte ("Roman" wäre denke ich, zu überschätzt beschrieben).
    Sie spielt im 1. Jahrhundert v. Chr. in Israel.
    Im Zentrum steht die verbotene Liebe zwischen einem römischen Legionär und einer Jüdin, die sich über Jahre hinweg zieht - inmitten von Juden, Zeloten, Römern und Jesus von Nazareth.

    Wissen Sie, wo ich mich gut über das Leben der damaligen Juden, Zeloten, Legionäre und Römer informieren könnte?
    Ich hoffe, ich erscheine mit meiner Bitte nicht zu aufdringlich.
    Vielen Dank für Ihre Mühe!

    Mit freundlichen Grüßen
    Magdalena Glück

    • Daniel Wolf 03.01.2019 08:46

      Liebe Frau Glück,
      die römische Antike ist nicht meine Zeit; da kenne ich mich leider kaum aus und kann Ihnen daher auch keine Hilfestellung bieten. Ich würde es mal an der Universität probieren. Die historische Fakultät hat sicher jede Menge Literatur zu dieser Epoche.
      Viel Glück beim Recherchieren wünscht,
      Daniel Wolf

  • Birgit Dorsch 23.02.2016 15:51

    Hallo Herr Wolf,
    Auf der Suche nach Informationen zum Buchschreiben, bin ich auf Ihre Seite gestoßen und möchte Sie bitten, mir behilflich zu sein.
    Ich möchte mich gerne an einen historischen Roman aus meiner Familiengeschichte wagen.
    Darf ich grds. über ein Adelsgeschlecht schreiben, oder muss ich mir dazu die Erlaubnis einholen?
    Das Adelsgeschlecht ist ein Teil der Geschichte.
    Können Sie bitte mitteilen, woher ich Informationen zur Epoche (um 1580) bekomme. Mich interessiert besonders die Geschichte in Süddeutschland, das Leben, Arbeiten und Wohnen um diese Zeit.
    Ich freue mich, wenn Sie mir bei weiterhelfen würden
    Grüße
    Birgit Dorsch